Die 6:0-Abwehr: Grundordnung, Aufgaben, Umstellung
Die meistgespielte Abwehr im Handball und die am schnellsten zu vermittelnde. Grundordnung, Aufgaben je Position, das Verschiebeprinzip – und ein Aufbau über drei Einheiten.
Die 6:0 ist die Abwehr, mit der fast jede Amateurmannschaft anfängt, und in vielen Fällen ist das genau richtig. Sie braucht wenige Wochen bis zur Funktionsfähigkeit, sie verzeiht individuelle Schwächen und sie schützt den Raum, in dem die gefährlichsten Würfe entstehen.
Ihr Ruf als "passive" Abwehr ist irreführend. Eine gute 6:0 steht nicht, sie arbeitet – sie verschiebt, sie stört, sie greift heraus. Der Unterschied zwischen einer 6:0, die hält, und einer, die kassiert, liegt fast vollständig im Verschieben.
Die Grundordnung
Alle sechs Feldspieler stehen auf einer Linie am Torraumkreis. Von außen nach innen: zwei Außenverteidiger, zwei Halbverteidiger, zwei Innenverteidiger – der sogenannte Innenblock. Die Abstände zwischen den Spielern betragen etwa zwei Meter, sodass kein Angreifer zwischen zwei Verteidiger passt, ohne dass beide reagieren.
Die entscheidende geometrische Eigenschaft: Die Abwehr steht auf einem Bogen, nicht auf einer Geraden. Wer sich in der Mitte zu weit vorzieht oder außen zu weit zurückfällt, öffnet eine Naht.
Aufgaben je Position
Innenblock (die beiden mittleren Verteidiger). Die härteste Aufgabe. Sie sichern den Kreisläufer, stellen den Block gegen Rückraumwürfe aus der Mitte und geben die Ansagen fürs Verschieben. Sie brauchen Körpergröße und Kontaktbereitschaft mehr als jede andere Abwehrposition – und sie sind es, die die Abwehr organisieren.
Halbverteidiger. Die beweglichste Position. Sie verteidigen den Rückraumspieler im Zweikampf, helfen zur Mitte aus und übernehmen den Kreisläufer, wenn er auf ihre Seite läuft. Ein Halbverteidiger, der zu weit herausrückt, öffnet die Naht zum Innenblock – der häufigste Gegentorweg in der 6:0.
Außenverteidiger. Die am meisten unterschätzte Aufgabe. Sie verteidigen den Außenspieler, schieben zur Mitte, wenn der Ball dorthin geht, und leiten nach Ballgewinn den Gegenstoß ein. Ihre Beinarbeit entscheidet über die Breite der ganzen Abwehr.
Die wichtigste Regel für alle sechs: Jeder ist für einen Raum zuständig, nicht für einen Gegner. Wer seinem Gegenspieler hinterherläuft, reißt die Kette auseinander.
Das Bewegungsprinzip: verschieben, nicht laufen
Der Kern der 6:0 lässt sich in einem Satz sagen: Die Abwehr bewegt sich als Block, nicht als sechs Einzelspieler.
Konkret: Geht der Ball nach links, verschieben alle sechs nach links – auch der rechte Außenverteidiger, der scheinbar nichts zu tun hat. Er hält damit die Abstände. Bleibt er stehen, entsteht auf seiner Seite eine Lücke, die zwei Pässe später genutzt wird.
Das Verschieben passiert mit dem Pass, nicht danach. Wer wartet, bis der Ball angekommen ist, ist immer einen halben Schritt zu spät. Die Bewegung beginnt, wenn der Ball die Hand des Passgebers verlässt.
Dazu kommen zwei aktive Elemente, ohne die eine 6:0 tatsächlich passiv wird:
Herausrücken auf den Werfer. Der ballnahe Verteidiger geht dem Rückraumspieler entgegen, sobald dieser in Wurfposition kommt – ein bis zwei Schritte, nicht mehr. Der Nachbar rückt nach und schließt den entstehenden Raum.
Ansage beim Kreiswechsel. Wenn der Kreisläufer die Seite wechselt, muss die Übergabe laut geklärt werden. Fast jedes Kreisgegentor in der 6:0 ist ein Übergabefehler, kein Positionsfehler.
Gegen welchen Gegner sie passt
Die 6:0 ist stark gegen Mannschaften, die aus der Nahdistanz und über den Kreis angreifen: Sie macht den Raum vor dem Tor dicht und zwingt den Gegner nach außen und nach hinten.
Sie ist schwach gegen Mannschaften mit starken Distanzschützen. Ein Rückraumspieler, der aus neun Metern konstant trifft, wird von einer 6:0 nicht ausreichend gestört – dann brauchst du entweder deutlich besseres Blockverhalten oder einen vorgezogenen Verteidiger, also die 5:1.
Sie ist ebenfalls schwach gegen Mannschaften, die sehr schnell den Ball laufen lassen. Verschieben braucht Zeit; wer den Ball in zwei Sekunden von links nach rechts spielt, kommt gegen eine langsame 6:0 immer auf eine offene Seite.
Stärken und Schwächen
Stärken: schnell zu vermitteln, deckt den gefährlichsten Raum vor dem Tor ab, verzeiht einzelne langsame Spieler, gute Ausgangsposition für den Gegenstoß, geringe Zeitstrafenanfälligkeit, weil weniger Zweikämpfe im offenen Raum stattfinden.
Schwächen: wenig Druck auf Distanzschützen, anfällig gegen schnelles Ballverschieben, bildet im Nachwuchs kaum Zweikampfverhalten aus, kann bei fehlender Ansage am Kreis regelrecht auseinanderfallen.
Der Nachwuchspunkt ist der wichtigste: Eine Jugendmannschaft, die dauerhaft 6:0 steht, gewinnt möglicherweise mehr Spiele und lernt weniger. Welches System zu welchem Kader passt, klärt die Entscheidungshilfe zum Abwehrsystem.
Der Aufbau über drei Einheiten
Einheit 1 – Stehen und Abstände. Ohne Ball, ohne Gegner. Die sechs Positionen werden angelaufen, die Abstände eingehalten, der Bogen geformt. Der Trainer verschiebt die Abwehr per Zuruf nach links und rechts. Zwanzig Minuten, langweilig, unverzichtbar.
Einheit 2 – Verschieben mit Ball. Sechs Angreifer spielen den Ball ohne Abschluss von außen nach außen, die Abwehr verschiebt mit. Danach dasselbe mit einem Kreisläufer, der die Seite wechselt – hier wird die Ansage eingeführt.
Einheit 3 – Herausrücken und Zweikampf. Jetzt mit Abschluss. Der ballnahe Verteidiger rückt heraus, der Nachbar schließt. Die Abwehr bekommt Punkte für Ballgewinne und für Würfe, die sie nach außen gezwungen hat – nicht nur für verhinderte Tore.
Wer mit Einheit 3 beginnt, bekommt eine Abwehr, die einzeln kämpft und als Block nicht funktioniert.
Kennzahlen zur Kontrolle
Ob eure 6:0 arbeitet, siehst du an vier Zahlen. Notiere zu jedem Gegentor die Zone – mehr braucht es nicht:
Gegentore aus dem Rückraum, neun Meter. Die Zahl, gegen die eine 6:0 strukturell schwach ist. Über sechs bis acht pro Spiel ist ein Blockthema, kein Systemthema.
Gegentore nach Kreisanspiel. Fast immer ein Übergabefehler. Wenn diese Zahl hoch ist, arbeite an der Ansage, nicht an der Ordnung.
Gegentore nach Durchbruch je Abwehrposition. Häufen sie sich auf einer Position, hast du dort ein Zweikampfproblem – auch das ist kein Systemthema.
Zeitstrafen. Über vier pro Spiel bedeutet meist, dass eure Verteidiger zu spät am Gegenspieler sind und mit den Armen korrigieren.
Diese vier Zahlen unterscheiden zuverlässig zwischen "das System passt nicht" und "das System wird nicht richtig gespielt" – und die zweite Diagnose ist im Amateurbereich die deutlich häufigere.
Passende Systeme und Übungen
Womit du dieses System ergänzt – und woran es sich messen lassen muss.
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Häufige Fragen
Alle sechs Feldspieler stehen auf einer Linie am Torraumkreis – null Spieler sind vorgezogen. Von außen nach innen: zwei Außenverteidiger, zwei Halbverteidiger und der Innenblock aus zwei Innenverteidigern. Die Abwehr verteidigt Räume, nicht einzelne Gegenspieler.
Als Block, nicht als sechs Einzelspieler: Geht der Ball zur Seite, verschieben alle sechs mit – auch der ballferne Außenverteidiger. Das Verschieben beginnt, wenn der Ball die Hand des Passgebers verlässt, nicht wenn er ankommt. Dazu kommen zwei aktive Elemente: Herausrücken auf den Werfer und laute Übergabe beim Seitenwechsel des Kreisläufers.
Der fehlende Druck auf Distanzschützen. Ein Rückraumspieler, der aus neun Metern konstant trifft, wird von einer 6:0 nicht ausreichend gestört. Die zweite Schwäche ist schnelles Ballverschieben des Gegners – Verschieben braucht Zeit, und wer den Ball in zwei Sekunden von links nach rechts spielt, findet immer eine offene Seite.

Über den Autor
Arkadiusz Weiss
Torwart, Trainer und Gründer von Statix
Arkadiusz Weiss steht seit über zehn Jahren im Handballtor und trainiert selbst eine Mannschaft in der Kreis- und Bezirksliga – genau der Alltag, für den diese Ratgeber geschrieben sind. Statix ist aus diesem Alltag entstanden: aus dem Zettel am Spielfeldrand, aus dem nach dem Abpfiff nie eine brauchbare Auswertung wurde.
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