Die 5:1-Abwehr: der vorgezogene Verteidiger und was er auslöst
Ein einziger Spieler steht anders als in der 6:0 – und verändert alles. Was der Vorgezogene leisten muss, was die anderen fünf dafür tun, und wie du die Umstellung in drei Einheiten hinbekommst.
Die 5:1 ist der einzige Systemwechsel, der im Amateurbereich zuverlässig funktioniert – und zwar aus einem einfachen Grund: Sie unterscheidet sich von der 6:0 nur in einer Position. Ein Innenverteidiger rückt heraus, die anderen fünf bleiben in einer vertrauten Ordnung.
Genau darin liegt aber auch die häufigste Fehlvorstellung. Die 5:1 ist keine 6:0 mit einem zusätzlichen Störer. Sie ist ein System, in dem fünf Spieler ständig einen Raum abdecken müssen, den es in der 6:0 nicht gab.
Die Grundordnung
Fünf Verteidiger stehen am Torraumkreis: zwei Außenverteidiger, zwei Halbverteidiger und ein Innenverteidiger in der Mitte. Der sechste – der Vorgezogene, oft auch "die Spitze" – steht etwa auf Höhe der Neun-Meter-Linie, mittig vor dem Innenblock.
Die Abstände der hinteren Fünf sind größer als in der 6:0, weil dieselbe Breite mit einem Spieler weniger gedeckt werden muss. Das ist der strukturelle Preis des Systems und der Grund, warum die 5:1 mehr Beinarbeit verlangt.
Aufgaben je Position
Der Vorgezogene. Die anspruchsvollste Abwehrposition im Handball. Er stört den Spielaufbau, verhindert Distanzwürfe aus der Mitte und unterbricht Anspiele an den Kreis. Er braucht Antizipation und Ausdauer – er läuft mehr als jeder andere Verteidiger – und vor allem Disziplin: Wer jedem Ball hinterherjagt, ist ständig aus der Position und nützt niemandem.
Seine wichtigste Fähigkeit ist die Entscheidung, wann er attackiert. Die Faustregel: Er geht auf den Ballführenden, wenn dieser in Wurfposition kommt oder wenn ein Anspiel an den Kreis droht. Sonst bleibt er zwischen den beiden Rückraumspielern und deckt die Passwege.
Der Innenverteidiger. Er ist jetzt allein in der Mitte und muss beide Seiten des Kreisläufers abdecken. Das verlangt ständige Kommunikation mit den Halbverteidigern – und die Bereitschaft, Räume aufzugeben, wenn der Vorgezogene herausgeht.
Die Halbverteidiger. Ihre Aufgabe wächst gegenüber der 6:0 erheblich. Sie verteidigen die Rückraumspieler und müssen gleichzeitig die Naht zur Mitte schließen, wenn der Vorgezogene auf ihre Seite arbeitet. Sie sind die Position, an der die 5:1 im Amateurbereich am häufigsten scheitert.
Die Außenverteidiger. Wie in der 6:0, aber mit größerem Weg: Die breitere Grundordnung verlangt mehr Laufarbeit zur Mitte.
Das Bewegungsprinzip: die Fünf arbeiten für die Eins
Der Kernsatz der 5:1 lautet: Wenn der Vorgezogene attackiert, entsteht hinter ihm ein Loch, und jemand muss es schließen.
Konkret: Geht der Vorgezogene auf den linken Rückraumspieler heraus, rückt der linke Halbverteidiger einen Schritt zur Mitte, und der Innenverteidiger übernimmt dessen Raum mit. Die Kette schließt sich hinter dem Angriff. Diese Nachrückbewegung ist der eigentliche Trainingsinhalt der 5:1 – nicht das Attackieren.
Zwei Regeln, die den Unterschied machen:
Der Vorgezogene kündigt an. Ein kurzer Ruf, bevor er herausgeht. Ohne Ansage rückt niemand nach, und das Loch bleibt offen.
Nach dem Attackieren geht er zurück in die Mitte, nicht mit dem Ball mit. Der häufigste Fehler: Der Vorgezogene folgt dem Ball nach rechts, dann nach links, und ist irgendwann durchgehend außerhalb der Position.
Gegen welchen Gegner sie passt
Die 5:1 ist stark gegen Mannschaften mit einem dominanten Spielmacher oder starken Distanzschützen aus der Mitte: Der Vorgezogene nimmt genau die Position aus dem Spiel, über die viele Amateurangriffe laufen.
Sie ist ebenfalls stark gegen Mannschaften, die den Kreis über die Mitte anspielen – der Vorgezogene sitzt genau im Passweg.
Sie ist schwach gegen Mannschaften, die über die Halbpositionen und die Außen angreifen: Wenn der Angriff die Mitte gar nicht braucht, läuft der Vorgezogene ins Leere und ihr verteidigt effektiv mit fünf Leuten. Ebenso schwach gegen Mannschaften mit zwei Kreisläufern, weil der einzelne Innenverteidiger beide nicht halten kann.
Stärken und Schwächen
Stärken: stört den Spielaufbau, nimmt den Distanzwurf aus der Mitte, unterbricht Kreisanspiele, erzeugt Ballgewinne und damit Gegenstöße, und sie ist von der 6:0 aus in wenigen Wochen erreichbar.
Schwächen: größere Abstände hinten, hoher Laufaufwand für den Vorgezogenen, anfällig gegen Angriffe über außen und gegen zwei Kreisläufer, und sie erzeugt mehr Zeitstrafen als die 6:0, weil mehr Zweikämpfe im offenen Raum stattfinden.
Ein praktischer Hinweis zur Besetzung: Der Vorgezogene sollte nicht euer wichtigster Angriffsspieler sein. Die Position kostet so viel Kraft, dass sie den Angriff derselben Person messbar schwächt – ein Grund, warum die 5:1 Kadertiefe voraussetzt.
Der Aufbau über drei Einheiten
Einheit 1 – die Kette hinten. Zuerst gar nicht die Spitze, sondern die fünf. Sie verschieben mit größeren Abständen als gewohnt, ohne Vorgezogenen. Wer das nicht sauber kann, braucht keinen Störer davor.
Einheit 2 – das Nachrücken. Jetzt kommt der Vorgezogene dazu, aber ohne Abschluss: Er attackiert auf Zuruf, und die Kette übt ausschließlich das Schließen des entstehenden Raums. Der Trainer coacht nur das Nachrücken, nicht den Ballgewinn.
Einheit 3 – Entscheidung und Abschluss. Der Vorgezogene entscheidet selbst, wann er herausgeht, und sagt es an. Jetzt mit Abschluss und mit Wertung: Punkte für Ballgewinne, aber Abzug für jeden Durchbruch durch die Mitte.
Kennzahlen zur Kontrolle
Die 5:1 lässt sich präziser bewerten als jedes andere System, weil ihre Schwächen an bestimmten Orten auftreten:
Gegentore nach Durchbruch durch die Mitte. Die direkteste Rückmeldung auf das Nachrücken. Steigt diese Zahl nach der Umstellung, funktioniert die Kette nicht.
Ballgewinne pro Spiel. Der erwartete Ertrag. Wenn die 5:1 keine zusätzlichen Ballgewinne bringt, arbeitet der Vorgezogene nicht aktiv genug – oder ihr spielt sie gegen den falschen Gegner.
Gegentore von Außen. Die typische Ausweichreaktion des Gegners. Steigt diese Zahl, verlagert er bewusst, und ihr müsst die Außenverteidiger entlasten.
Zeitstrafen des Vorgezogenen. Führe sie getrennt. Mehr als eine pro Spiel bedeutet, dass er zu spät kommt und mit den Armen korrigiert – dann ist entweder die Position falsch besetzt oder der Laufweg zu lang.
Vergleiche diese vier Zahlen mit denselben aus eurer 6:0-Zeit. Wenn die Gegentore insgesamt nicht sinken, aber die Ballgewinne steigen, ist die Umstellung trotzdem ein Gewinn – ihr habt dann Tempotore dazugewonnen.
Passende Systeme und Übungen
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Häufige Fragen
Fünf Verteidiger stehen am Torraumkreis, ein sechster – der Vorgezogene – steht etwa auf Höhe der Neun-Meter-Linie mittig davor. Sie unterscheidet sich von der 6:0 nur in dieser einen Position, was sie zur einzigen Systemumstellung macht, die im Amateurbereich zuverlässig gelingt.
Er stört den Spielaufbau, verhindert Distanzwürfe aus der Mitte und unterbricht Anspiele an den Kreis. Entscheidend ist nicht, wie oft er attackiert, sondern wann: Er geht auf den Ballführenden, wenn dieser in Wurfposition kommt oder ein Kreisanspiel droht – sonst bleibt er zwischen den Rückraumspielern und deckt die Passwege.
Gegen Mannschaften mit einem dominanten Spielmacher oder starken Distanzschützen aus der Mitte und gegen Angriffe, die den Kreis über die Mitte anspielen. Ungeeignet ist sie gegen Gegner, die über die Halbpositionen und Außen angreifen, und gegen zwei Kreisläufer – dort läuft der Vorgezogene ins Leere.
Die hinteren fünf müssen dieselbe Breite mit einem Spieler weniger decken, also mit größeren Abständen. Dazu kommt der hohe Laufaufwand für den Vorgezogenen und eine höhere Zeitstrafenanfälligkeit, weil mehr Zweikämpfe im offenen Raum stattfinden. Der Vorgezogene sollte deshalb nicht euer wichtigster Angriffsspieler sein.

Über den Autor
Arkadiusz Weiss
Torwart, Trainer und Gründer von Statix
Arkadiusz Weiss steht seit über zehn Jahren im Handballtor und trainiert selbst eine Mannschaft in der Kreis- und Bezirksliga – genau der Alltag, für den diese Ratgeber geschrieben sind. Statix ist aus diesem Alltag entstanden: aus dem Zettel am Spielfeldrand, aus dem nach dem Abpfiff nie eine brauchbare Auswertung wurde.
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